Epileptische Anfälle

Nervenzellen im Gehirn

…sind neurologische Störungen. Es geht um Hirnfunktionen bzw. den Signalfluss zwischen Nervenzellen.

Auch Tiere mit ähnlich komplexen Gehirnen können epileptische Anfälle haben (z.B. Hunde), weil eben die Kommunikation zwischen sehr vielen Nervenzellen so kompliziert ist. Viel differenzierter als z.B. der Signalfluss in einem Computer, wo es nur die Zustände 0 und 1 gibt (also: Strom fließt oder fließt nicht).

Das Gehirn hat Kontrollmechanismen dafür. Trotzdem kann es zu einer Art „Überreizung“ kommen im Signalfluss zwischen den Nervenzellen einzelner Hirnregionen oder dem ganzen Gehirn..

Epilepsie heißt es, wenn solche Anfälle immer wieder auftreten. Es ist also eine chronische Erkrankung, die anfallsweise auftritt.

  • Epilepsie ist keine Geisteskrankheit und Epileptiker sind geistig und körperlich genau so leistungsfähig wie andere – außer während ihren Anfällen.
  • Bei den meisten (d.h. bei mehr als 2/3 der Epileptiker) treten Anfälle mit passender (Medikamenten-)Therapie nur noch eher selten oder nie auf. Das sind trotzdem per Definition Epileptiker und sie haben dadurch evtl. noch Einschränkungen im Leben, weil sie nicht „geheilt“ sind, sondern die Anfälle therapeutisch im Griff haben. Es bleibt eine gewisse Unsicherheit und erhöhtes Unfall-Risiko.
  • Viele Epilepsien im Kindes- und Jugendalter „verlieren sich“… Als „Heilung“ kann man bezeichnen, wenn Epileptiker nach jahrelanger Anfallsfreiheit ihre Medikamente absetzen können oder wenn der Anfallsherd im Gehirn erfolgreich operiert werden konnte.
  • Epilepsie wird oft mit geistiger Behinderung gleich gesetzt, aber es ist eher umgekehrt, nämlich dass Menschen mit Hirnverletzungen (von Geburt an oder durch einen Unfall…) zu ihren geistigen Einschränkungen auch noch epileptische Anfälle haben, die oft von Schäden oder Narben am Gehirn ausgehen.
  • Abgesehen davon muss die Diskriminierung geistig Behinderter oder psychisch Kranker endlich aufhören, nur ist es eben besonders dumm und falsch, wenn Epilepsie als „Geisteskrankheit“ bezeichnet/verstanden wird. Und sich dafür zu schämen genauso.
  • Epilepsie gilt als eine der ältesten bekannten Krankheiten und wurde schon in antiken Schriften vor Jahrtausenden erwähnt. Viele Berühmtheiten der Geschichte waren Epileptiker.
  • In mancher Zeit waren Epileptiker Ausgestoßene oder bekamen eine „Besessenheit“ (vom Teufel) angedichtet. Es gab auch Zeiten, wo es als besondere Gabe verehrt wurde, weil seit der Antike auffällig viele bekannte Persönlichkeiten Epileptiker waren.
    Für mich bedeutet das, dass die Einschränkungen einer Epilepsie kein Hindernis sind, „Großes im Leben zu vollbringen“.
  • Früher hat man es jahrhundertelang „Fallsucht“ genannt. Sehr viele epileptische Anfälle passieren ohne Umfallen, also ist „Fallsucht“ zu kurz gegriffen, nur sorgt ein solcher Begriff über Generationen für Missverständnisse und sollte nicht mehr verwendet werden.
  • Die Verbreitung von Epilepsie wird statistisch mit 0,5% bis 1% (meist mit ca. 0,8%) aller Menschen beziffert, unabhängig von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Alter usw. Das bedeutet für Deutschland mit über 80 Mill. Einwohner über 650.000 Menschen – jedenfalls mehr als z.B. die Einwohnerzahl von Stuttgart und fast jeder kennt wohl Epileptiker, von deren Erkrankung er möglicherweise nichts weiß – erfolgreiche Therapie (meist mit Medikamenten) bedeutet ja, dass möglichst keine Anfälle passieren und nichts auffällt.

Mögliche Ursachen von Epilepsie (nicht vollständig)

  • Verletzungen oder Gewebeveränderungen im Gehirn (Tumoren, Einblutungen etc.)
  • Narben von Gehirnverletzungen, Traumata (Gehirnerschütterung) oder OPs am Gehirn– Von solchem Narbengewebe können auch nach vielen Jahren epileptische Anfälle ausgehen. Manchmal können alte Narben durch eine weitere OP mit modernen Methoden (Laser…) „entschärft“ werden, aber eine vernarbte Wunde wird nicht verschwinden…
  • Sauerstoffmangel – prinzipiell auch eine Verletzung des Gehirns durch Schockzustände, Unfälle beim Baden/Tauchen, Komplikationen bei der Geburt oder während einer Vollnarkose…
  • Stoffwechselstörungen, z.B. Fehlfunktion der „Blut-Hirn-Schranke“ (Energieversorgung des Gehirns mit Glukose im Blut)
  • (indirekt) altersbedingte Ursachen – Statistisch treten die meisten Epilepsien bei unter 20jährigen und über 60jährigen auf. Deshalb sind Epilepsien bei Kindern und bei Senioren ganz spezielle Themen.
  • Krankheiten, bei denen epileptische Anfälle ein Symptom von vielen sind, z.B. angeborene Hirnschäden oder sog. „seltene Krankheiten“.
  • Genetik: Ich habe in den 90er Jahren gelernt, dass Epilepsie nicht als Erbkrankheit gilt und lediglich eine gewisse Neigung dazu innerhalb von Familien belegt ist. Bei Frauen mit angeborener Disposition entwickelt sich häufiger eine Epilepsie als bei Männern.

    In letzter Zeit habe ich gelesen, dass die Gene nach aktueller Forschungslage möglicherweise eine größere Rolle spielen als in der früheren Lehrmeinung – wieder ein Thema für sich und hochkompliziert.

    nebenbei… In meiner Familie gibt es keine weiteren Epileptiker, die Krankheit war mir/uns völlig unbekannt und die Ursache konnte nie geklärt werden.

Jeder Epileptiker hat „seine Anfälle“ – oft mit Eigenheiten, die ganz individuell sind. Es gibt jedoch eine Einteilung nach konkreten Merkmalen und die korrekte Zuordnung der Anfallsformen ist enorm wichtig für die Therapie.

Mit dem Wissen wächst der Zweifel.

J.W.Goethe
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